SEAQUAL – „Wenn wir nicht einen Schalter umlegen, wird die Verschmutzung der Meere immer so weiter gehen“

Seit 2017 bekämpft die SEAQUAL INITIATIVE gemeinsam mit Fischern an der Mittelmeerküste Spaniens gegen die Plastikverschmutzung der Meere. Aus dem Wasser gefischter Plastikmüll wird in SEAQUAL® YARN umgewandelt, eine 100% recycelte Polyesterfaser, aus der von Lizenzpartnern neue und nachhaltige Produkte hergestellt werden. Jack Wolfskin kooperiert nun seit drei Saisons in Folge mit der SEAQUAL INITIATIVE. Doch die Wiederverwertung von Plastikmüll ist erst der Anfang, so Geschäftsführer Michel Chtepa. “Die Faser ist nur ein Teil unseres ganzheitlichen Ansatzes, im Kampf gegen Meeresplastik.”


Herr Chtepa, welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf ihren Betrieb?

Die Boote, die den Plastikmüll aus dem Wasser fischen, mussten pausieren. In den letzten Wochen haben mein Team und ich aus dem Home-Office gearbeitet und weiterhin alle anstehenden Aktivitäten der SEAQUAL INITIATIVE vorbereitet. Die aktuelle Situation hat uns aber auch eine kleine Verschnaufpause verschafft, die letzten dreieinhalb Jahre haben wir alle sehr viel gearbeitet.

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Die Meeresverschmutzung macht vermutlich auch nicht vor einer globalen Gesundheitskrise halt, oder?

Leider nicht. Es wäre natürlich ideal, wenn es eines Tages kein Meeresplastik mehr gäbe. Die SEAQUAL INITIATIVE wäre dann etwas anderes als heute. Momentan nutzen wir Plastik, es ist unser Arbeitsmaterial. Doch unterm Strich sind wir eine Initiative, kein Produkt, kein Recycling-Unternehmen und auch kein Hersteller. Wir möchten auch nicht mit einem bestimmten Produkt oder einer Technologie assoziiert werden, denn das würde uns nur einschränken. Wir werden uns immer weiter entwickeln. Vielleicht arbeiten wir eines Tages im Bereich der Biopolymere. Unser ultimatives Ziel ist die Blue Economy.

Sprechen wir über das Pilotprojekt der SEAQUAL INITIATIVE. Sie kooperieren mit Fischern, die Abfall aus dem Wasser holen. Wie viel Müll konnte seit Beginn des Projektes bisher aus dem Wasser gefischt werden?

In den letzten drei Jahren haben wir circa 600 Tonnen Müll aus dem Meer geholt.

Können Sie schon Erfolge auf dem Land oder im Meer feststellen?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Dafür müssen wir größere Zusammenhänge schaffen, daran arbeiten wir zur Zeit. Sobald wir die verschiedenen Regionen, die betroffen sind, ganzheitlich in die Projekte mit einbeziehen können, werden Erfolge messbar sein. Wenn wir nicht einen Schalter umlegen, wird die Verschmutzung der Meere immer so weitergehen. Fragen sie mich in zwei Jahren noch mal.

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Wie viel Meeresplastik konnte bereits recycelt werden?

In den letzten drei Jahren wurden circa 99 Tonnen Meeresplastik in von der SEAQUAL INITIATIVE anerkannten Betrieben in SEAQUAL Kunststofffaser verarbeitet. Aus dieser Faser stellen unsere Lizenzpartner dann neue, nachhaltige Produkte her. Das SEAQUAL® Yarn besteht aus 10 % Meeresplastik und 90 % post-consumer PET vom Land. Wir haben also insgesamt bereits 990 Tonnen Kunststoffmüll neues Leben gegeben.

Was haben die Fischereibetriebe von dem Projekt?

In Europa dürfen wir den Fischern nichts für ihren Einsatz bezahlen. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, den Müll mit aus dem Wasser zu ziehen. Wir können sie unterstützen, indem wir auf ihre Arbeit aufmerksam machen, und indem wir alternative Einnahmequellen für sie generieren. Wenn Marken ein Video über die Arbeit der Fischer drehen möchten, wie Jack Wolfskin es letztes Jahr getan hat, müssen sie eine Gebühr bezahlen. Dieses Geld geht direkt an die Fischer, das ist für uns die einzige Möglichkeit, ihre Hilfe finanziell zu unterstützen.

Indirekt können wir sie unterstützen, indem wir ihnen helfen, den Wert, den sie für die Gesellschaft haben, aufzuzeigen. Viele Fischereien kämpfen ums Überleben, denn in ihren Küstenstädten, etwa in Barcelona, müssen sie sich zwischen Luxus-Immobilien und teuren Hotels behaupten. Es ist wichtig zu demonstrieren, welchen Wert sie beitragen können. Sie müssen zeigen, dass sie eine wichtige Rolle spielen im Kampf gegen Meeresverschmutzung, die auch ihren Betrieb stark beeinträchtigt. Sie müssen beweisen, dass sie Teil einer Kreislaufwirtschaft sind, dass sie slow fishing betreiben in dem sie lokalen Fisch jahreszeitlich bedingt in kleineren Mengen fangen. Manche Fischerboote führen sogar Studien durch, die erforschen, woher der Müll im Meer kommt, wie er ins Meer gelangt ist, wie er sich im Wasser bewegt, und was wir daraus ableiten können. Im Rahmen von Gemeinschaftsprojekten unterstützen wir sie in ihren Vorhaben.

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Welche Art von Produkten können mit recyceltem Meeresplastik von der SEAQUAL INITIATIVE hergestellt werden?

Aus dem recycelten Material können Webstoffe, Vliesstoffe und Spritzkunststoff hergestellt werden. Unsere Lizenzpartner produzieren daraus Möbel, Heimtextilien, Taschen, Schuhe, Kleidung oder Innenausstattung von Autos. Wir haben bereits mit über 600 Firmen in über 46 Ländern zusammengearbeitet.

Seit drei Saisons arbeiten Sie nun schon mit Jack Wolfskin zusammen. Was bedeutet das für die SEAQUAL INITIATIVE?

Für uns ist es eine tolle Gelegenheit, mit Jack Wolfskin als bekanntem deutschen Outdoor-Hersteller zusammen zu arbeiten. Dank Jack Wolfskins Engagement in der Vergangenheit konnten wir gemeinsam das Bewusstsein für Wasserverschmutzung stärken und die Kunden inspirieren. Als nächsten Schritt bauen wir gerade eine Foundation auf. Somit können die Marken in Zukunft spezifische Projekte unterstützen und haben Zugriff auf maßgeschneiderten Content, mit dem sie ihre Zielgruppe noch direkter ansprechen können. Letzte Woche haben wir unseren Lizenzpartnern den Launch der SEAQUAL INITIATIVE 2.0 angekündigt.

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Was wünschen Sie sich sonst noch von Unternehmen aber auch von der Regierung?

Jedes Unternehmen sollte sich den fünf Rs zur Müllvermeidung verpflichten: Refuse (ablehnen), Reduce (reduzieren), Reuse (wiederverwenden), Recycle (zur Wertstoffsammlung bringen), Repair (reparieren). Bei der Entwicklung eines Produktes müssen die Hersteller auf höchste Qualität achten, damit die Produkte länger halten. Unternehmen sollten ihre Kunden auf das Müllproblem hinweisen und dazu auffordern, im Sinne der Umwelt zu handeln. 

Regierungen haben die Macht neue Gesetze zu verhängen, wie etwa das Verbot von Einwegplastik, das die EU letztes Jahr beschlossen hat. Regierungen müssen auch regionale Projekte unterstützen und an vielen Orten eine bessere Abfallwirtschaft und Recycling-Anlagen einführen.

Was können normale Menschen wie Sie und ich tun?

Wenn jeder von uns frühzeitig seinen oder ihren Müll trennt, können die verschiedenen Abfallstoffe einfacher wieder verwendet oder recycelt werden. Wenn Müll nicht getrennt wird, richtet er Schaden an, das verkompliziert die Aufgabe für Recycling-Unternehmen enorm. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das eigene Konsumverhalten. Wir alle sollten uns vor Augen führen, welche Macht wir durch unsere Kaufentscheidung haben und dass wir damit Veränderungen von Unternehmen fordern können. Deine Entscheidung zählt! Dinge werden sich nur ändern, wenn sich auch der Markt verändert – und der Markt liegt in den Händen von uns Verbrauchern. Wir können jeden Tag können aufs Neue einen Beitrag zur Besserung leisten, durch die Entscheidungen, die wir treffen.

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© iStock.com/Placebo365

Hat die Arbeit bei Seaqual in Ihrem Leben etwas verändert?

Ich habe meine Gewohnheiten, aber auch meinen Blickwinkel insgesamt verändert. Vor drei Jahren habe ich mich dazu entschlossen, mich dem Projekt komplett zu widmen, weil der Kampf gegen Meeresplastik ein sehr emotionales Thema für mich ist. Die SEAQUAL INITIATIVE ist eine Firma, deren Geschäfte ich führe, aber die Arbeit hier hat meine Art Geschäfte zu führen grundlegend verändert. Über allem steht für mich immer der gute Zweck. Es geht ums Geschäftliche, aber auch um unsere Daseinsberechtigung, und unsere Verantwortung als Menschen. Ich bin von einer Emotion getrieben. Was das tägliche Leben betrifft, bin ich nun viel gewissenhafter beim Mülltrennen. Und zum ersten Mal in meinem Leben baue ich mein eigenes Gemüse an, Karotten, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, alles Mögliche. Wenn ich einkaufe, nutze ich das Pfandsystem Loop und ich versuche vor allem regional und saisonal zu kaufen. Wenn Geschäftsreisen anstehen, prüfen wir intern immer, ob es wirklich nötig ist, oder ob Termine nicht auch digital stattfinden können. Früher habe ich mir auch alle drei Jahre ein neues Auto zugelegt. Mein derzeitiges Auto ist über zehn Jahre alt und funktioniert einwandfrei. Insgesamt habe ich einen neuen Blick auf die Dinge bekommen.


Die SEAQUAL Kollektion von Jack Wolfskin

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